Ersteinmal die Zusammenstellung an sich, die beiden Frauen, selbstbewusst und mutig an die Seite der Männer zu stellen und auch so die beiden Frauen miteinander zu kombinieren auf einem Album. Somit ist kein „Nischenalbum“ mit ausschließlich Werken der beiden Komponistinnen entstanden, sondern wird die Aufmerksamkeit, die natur-und geschichtsgemäß den Meisterwerken der beiden Männern zukommen würde, auch auf jene Meisterwerke der Frauen gelenkt und sie werden somit weitaus heller ausgeleuchtet, als ein reines auf Raritäten zugeschnittenes Album würde. Auch sind die Einstudierung und Aufführung der Werke der Frauen keine Ausflüchte vor den Herausforderungen der Werke von Robert und Felix und erhalten somit keinen „schwächeren“ oder „minderwertigeren“ Touch, sondern sind mit der gleichen Wertschätzung und Sorgfalt und Annahme herausgearbeitet, wie alle anderen Werke dieses Albums.

Viel wichtiger aber als der äußere Aspekt einer vorhandenen konzeptionellen Neuerung ist die Tatsache, dass ich einen völlig neuen Interpretationsansatz vor allem für Robert Schumann und sein Schaffen an den Tag gelegt habe. Und zwar Robert beleuchtend von der musikalischen Inspirationsquelle seiner Frau Clara her. Meine Inspiration dafür kam über die Charakterisierung Clara Schumanns als „Chiarina“ im Carnaval von Robert Schumann. In diesem Augenblick ändert sich die Ebene der Dramatik, eine höchst ausdrucksstarke Wendung im bis dorthin eher melancholisch sinnierend, tänzerisch leicht anmutenden Beginn. Er stellt sie in einem schweren, schmerzlichen, immer und immer wiederkehrenden Seufzer-Motiv dar, das sich schier in eine Obsession steigert. Das war der Anlass Clara Schumann als Künstler-und Schöpferpersönlichkeit mehr auf den Grund zu gehen und herauszufinden, auf welche Saiten sie und Robert gespannt sind und welche Tiefen bei ihm schwingen, wenn es um Clara geht (um mit Worten Rainer Maria Rilkes aus seinem Gedicht „Liebeslied“ zu sprechen).

Fündig wurde ich bei ihrem tief emotionalen sehr aufwühlenden, durch seinen redundanten Grundcharakter gekennzeichnet, quälendes Scherzo, das von starkem, dunklem Temperament zeugt und im Mittelteil „eusebische“ Züge aufweist. Es erinnert sehr an Chiarina und auch wenn Claras Scherzo erst später als der Carnaval veröffentlicht wurde, so wurde es schon eher anskizziert und Robert zitiert ihr Scherzo hier ganz offensichtlich- und zwar genau dieses Werk, das stellvertretend für die nach außen geschlossene und doch innerlich aufgewühlte und gar zerrissene Charaktereigenschaft Claras steht und sie als vielschichtige, hochsensible, tief emotionale und zugleich romantisch sinnierende Künstlerpersönlichkeit darstellt. Wiederfinden können wir diese Seelenarührung von Clara an Robert auch in seinen beiden Startstücken der beiden Hefte der Fantasiestücke- Des Abends und in der Nacht. Vor allem der Parallelismus zu der nächtlichen Obsession „In der Nacht“, bei Robert Schumann allerdings als schier geisterhaft gespenstisch konturiert.

Um es in einem Satz zu sagen, Robert Schumanns „Widmung“ zitierend: Du hast mich vor mir verklärt. Du, mein besseres Ich.

Seit der Auseinandersetzung mit diesem, seinem besseren Ich, spiele ich seine Werke anders, auf eine emotional tiefer schwingende, komplettierte Weise. Sie hat mir einen direkten Blick in seine Seele gewährt und mir somit erlaubt, Schumanns innserste Träume, erfüllte Wünsche und schwebende Sehnsüchte zu berühren und mit meinem Hörer zu teilen.

Robert Schumann, Claras Robert über Roberts Clara.

Und noch ein ganz zentraler Aspekt bei Felix und Fanny ist, dass der Werkbegriff „Lied ohne Worte“ von Fanny erfunden wurde, beschrieb sie auch Heine bei einem seiner Besuche im Hause Mendelssohn als ein strahlendes „ganz und gar liedhaftes Wesen“. Ganz klar also dass ich die Schöpferin dieser spieziellen Lied- Gattung neben jenen Bruder stellen wollte, der dafür den Großteil seiner Berühmtheit erlangte. Der Ursprung und die Inspirationsquelle für jene langen Linien, die wir dann bei seinen Variations serieuses ebenso hören, ist in ebenso in diesem Lied von seiner geliebten und hochverehrten Schwester Fanny nicht zu überhören. Überhaupt ist für mich Mendelssohn in diesen Variations genau der Mendelssohn, so wie ich ihn fühle und innig nachspüre. Stechend klare Gedanken, die hier zu einem Höllenritt ausgeführt werden, er sprengt die Form, sein bis dahin traditionelleres Kompositionsgerüst und auf Basis von 17 Veränderungen über ein devotes, Bach ähnelndes Thema, erinnernd an dessen „Oh Haupt voll Blut und Wunden“, beschreibt er sich selbst und stülpt sein innerstes nach außen- zum Schluss ein „Schrei aus tiefster Seele“ wie Schumann sagen würde und doch fasst er sich wieder- aber ohne Aussicht auf Versöhnung im Sinne eines phrygischen Schlusses.

Mir hat sich Mendelssohn also nach dieser intensiven Auseinandersetzung mit ihm auf einem ganz anderen Wirkungsgrad ins Herz gebohrt, anders als seine leichtfüßige, rein melodiöse, lineare, fragile, gar manchmal klanglich dünne, Rezeptionsgeschichte vermuten lassen mag. Also hier ebenso eine mögliche Neuerung. Ähnlich wie bei meinem Chopin Album.