Verwandtschaft und Wahlverwandtschaft: Sophie Pacini In Between

Ein Text von Susanne Staehr im Gespräch mit Sophie Pacini

Komponist zu sein – das ist Männersache. So sah es jedenfalls Felix Mendelssohn, der die Werke seiner Schwester Fanny zwar schätzte, eine Veröffentlichung jedoch ablehnte: »Aber Fanny zureden, etwas zu publizieren, das kann ich nicht«, erklärte er stur. »Ich halte das Publizieren für etwas Ernsthaftes und glaube, man sollte es nur tun, wenn man als Autor sein Leben lang auftreten und dastehen will. Zu einer Autorschaft aber hat Fanny, wie ich sie kenne, nicht das Zeug. Dazu ist sie zu sehr eine Frau.« Clara Schumann erging es nicht viel besser. Von der Öffentlichkeit wurde sie fast ausschließlich als überragende Virtuosin wahrgenommen, vor allem als Interpretin der Klaviermusik ihres Mannes Robert. Dass sie selbst auch schöpferisch tätig war, geriet dabei aus dem Blick.

»In Between« nennt die deutsch-italienische Pianistin Sophie Pacini ihr neues Album, mit dem sie den Beziehungen der beiden Paare nachspürt. »Es geht um Verwandtschaft und Wahlverwandtschaft«, erläutert sie die grundlegende Idee. Denn Fanny und Felix Mendelssohn, Clara und Robert Schumann waren nicht nur Geschwister oder ein Ehepaar – sie haben sich beim Komponieren auch wechselseitig inspiriert, wobei den beiden Frauen keineswegs der geringere Anteil zukommt.

Da wäre zum Beispiel Clara Schumanns Scherzo op. 14. In diesem Werk findet Sophie Pacini »eine innere Zerrissenheit, die fast etwas Dämonisches und Obsessives hat, mit den ständigen Wiederholungen der immer gleichen Motive. Wenn man mich bitten würde: ›Charakterisieren Sie Clara Schumann‹, dann würde ich antworten: ›Hören Sie sich dieses Scherzo an‹.« Ganz ähnlich Zustände entdeckt sie aber auch bei Robert Schumann, etwa bei »In der Nacht« aus den Fantasiestücken op. 12. Weshalb für Pacini feststeht, dass Clara ihren Mann auch schöpferisch inspiriert hat, bis hin zur Übernahme von notengetreuen Zitaten. »Clara war für Robert keineswegs nur seine kongeniale Interpretin oder Muse. Und dasselbe gilt für Fanny Mendelssohn und ihren Bruder Felix. Fanny hat einige Werke von Felix komplettiert, wenn nicht gar selbst komponiert. Auch den Gattungsbegriff Lied ohne Worte hat sie entwickelt und nicht er. In ihrem Lied ohne Worte op. 2 Nr. 1, das ich aufgenommen habe, hört man, wie mutig und geradezu frech sie moduliert und dabei harmonisch viel kühner vorgeht als Felix.«
Wie aber bewertet Sophie Pacini das Verhältnis zwischen den beiden Männern, zwischen Robert Schumann und Felix Mendelssohn? Handelt es sich auch hier um eine Wahlverwandtschaft? Sie waren immerhin Freunde, aßen in Leipzig oft gemeinsam zu Mittag und setzten sich füreinander ein: Schumann »promotete« als Publizist Mendelssohns Schaffen, Mendelssohn brachte als Dirigent Schumanns erste zwei Symphonien zur Uraufführung. »Ich sehe Mendelssohn eher in der Mozart-Tradition, während ich bei Schumann eine Nähe zu Beethoven empfinde«, urteilt die Pianistin. »Für Schumann ist die Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich entscheidend, der Gefühlszustand, die Stimmung. Mendelssohn dagegen lässt sich meist von konkreten Gedanken leiten. Schumanns Musik ist für mich wie ein Wald voller Geäst, ein Dickicht, das man durchdringen muss; ganz anders bei Mendelssohn, wo der Weg klar und deutlich vorgezeichnet ist.«
Pianistisch erfordern beide Komponisten deshalb einen individuellen Zugriff, wie Sophie Pacini erläutert: »Schumann braucht einen schwereren, dunkleren Klang, seine Musik ist aus dem Bass heraus gedacht, sie ist dramatisch und hochemotional. Bei Mendelssohn gibt es natürlich große Unterschiede zwischen den Liedern ohne Worte und den mystischen, abgründigen Variations sérieuses; doch hier wie dort braucht man einen klaren, fast kristallinen Anschlag. Mein Klaviertechniker hat für unsere Aufnahme deshalb eigens die Hämmerchen aufgearbeitet, damit sie fester sind und direkter an die Saiten schlagen.« Auch Wahlverwandte können also ganz schön verschieden sein. Sophie Pacini hat es erkundet, »In Between«.

»In Between«
Schumann & Mendelssohn Sophie Pacini, Klavier
VÖ: 11.05.2018 (Warner Classics)

R. Schumann/F. Liszt: Widmung As-Dur aus Myrthen op.25/1 C. Schumann: Scherzo c-Moll op.14
R. Schumann: 8 Fantasiestücke op.12
R. Schumann: Toccata C-Dur op.7

F. Mendelssohn-Bartholdy: Variations serieuses d-Moll op.54
F. Mendelssohn-Bartholdy: aus Lieder ohne Worte: op.19/1, op. 30/3, op.62/6, op.67/1, op.67/4
F. Hensel: Lied ohne Worte G-Dur op.2/1
F. Mendelssohn-Bartholdy: Rondo capriccioso E-Dur op.14

Sophie über InBetween

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