„Ernsthaft, jeden Abend?“

VAN: Viele Musiker*innen streamen ›jetzt erst recht‹ täglich Konzerte aus ihren Wohnzimmern. Rettet sich Musik damit über die Corona-Leere hinweg?

Sophie Pacini: Im Gegenteil. Es gibt viel mehr Live-Musik als zuvor und teilweise völlig ungefiltert. Ich rufe Facebook schon kaum mehr auf, weil es mich total überspült: Hier spielt einer einen Bach-Satz, dort trällert jemand anderes eine unfertige Serenade, plötzlich ist überall Work in Progress sichtbar. Ich frage mich: Ist das eine Ausrede, um sich 24 Stunden lang selbst zu porträtieren? Bevor ich an die Öffentlichkeit gehe, braucht es doch einen ästhetischen Anspruch. Bei diesen gestreamten Hauskonzerten frage ich mich aber jedes Mal: Würdest du das wirklich so im Konzert spielen? Die Interpretation, in dieser Tonqualität? Ernsthaft, jeden Abend? Warum?

Also findest du, dass die Kunst darunter leidet?

Ja klar. Gerade wir Pianist*innen gehen doch sonst ins Konzert und verlangen, dass Klaviertechniker*innen da sind, die das Instrument zur Perfektion bringt, dass wir uns darauf ausdrücken können. Wir fahren vorher hin, spielen uns ein, werden eins mit dem Instrument, um etwas Einmaliges im Konzert zu reproduzieren. Unsere Hausflügel, auf denen wir jeden Tag stundenlang herumhämmern, sind oft alles andere als gut in Schuss. Gerade Beethoven ist zum Beispiel ein Komponist, der im Konzert besonders wirkt – diese Emotionen, dieses Beben, das durch den Boden geht, das dich in den Füßen erfasst. Wenn ich mich jetzt an meinen Wohnzimmerflügel setze, im Schlumpfgewand, kann ich mich gar nicht so in Spannung versetzen wie im Konzert. Ich weiß ja auch gar nicht, wo der Rezipient ist – sitzt der vielleicht gerade auf dem Klo? Es ist unter diesen Umständen total schwierig, Kunst auf höchstem Niveau zu machen.

Aber findest du nicht, dass die Waldsteinsonate auf Socken mit Besen im Hintergrund nicht auch einen großen Charme haben kann?

Nein, mich hat das irgendwie noch nie begeistert. Wenn wir bedenken, dass die Kunst, die wir machen, bevor sie zu Papier gebracht wurde, komplett durchdacht wurde – da ist nichts dem Zufall überlassen, das ist aufs Dichteste komponiert, alles hat eine Aussage. Es geht darum, sich zu erlauben, loszulassen – das tust du im Konzert, aber zu Hause lässt du anders los.

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Man gibt aber den Menschen, die sonst diese Musik nicht hören könnten, mit solchen Wohnzimmerstreams wenigstens die Chance, sie trotzdem zu hören, oder nicht?

Dafür gibt es CDs und Platten. Wir haben sie genau für diesen Fall kreiert: Wir wollten etwas hinterlassen, falls es mal keine Konzerte gibt. Wir haben da Perfektion reingebracht, uns in Klausur begeben, zusammen mit Tonmeister*innen, die unendlich lange studiert haben. Das Streamen von zu Hause ist ein Tritt in den Hintern der Tonmeister*innen und der ganzen Zunft, die dazu gehört.

Du stellst auch Videos von zu Hause auf Facebook, auf denen du Beethoven spielst. Wo ist der Unterschied?

Ich gebe einen Einblick in die Werkstatt – aber mehr ist es auch nicht als eine Werkstatt.

Wäre es also aus deiner Sicht besser, in dieser Zeit komplett auf solche Konzertstreams zu verzichten?

Musik verstehen geht doch nur, wenn wir Momente der Stille haben. Die Situation gerade könnte auch eine Challenge sein: Leute, jetzt seid ihr mal eures Livewirkens beraubt – begreift ihr wirklich die Essenz der Musik oder ist sie nur eine Beschäftigungstherapie? Nicht zu spielen würde bedeuten: Wir gehen in Dialog mit uns, gewähren Einblick in unsere Arbeit, in das, was uns beschäftigt und was uns als Künstler*innen unersetzbar macht – nämlich, dass es ohne Künstler*in keine Kunst gibt, und der*die Künstler*in kann nur wirken, wenn er*sie in einem absolut rundem Gesamtbild auftreten kann. Jetzt gerade machen wir uns nicht unersetzlich.

Aber darf Kunst nicht auch gebrochen sein? Das unperfekte Wohnzimmer als eigener ästhetischer Raum, das Ruckeln der Aufnahme als Statement, der scheppernde Sound als Lobgesang auf den Makel?

Doch natürlich – wenn die Absicht ist, einen Ausschnitt aus unserer heimischen Werkstatt zu zeigen. Aber wie wir es gerade machen, gewähren wir einen konzertartigen, aber rohen, nicht an allen Ecken ausgefeilten Einblick, der für die Kunst unpassend ist. Das ist keine Kunst, sondern einfach ein schlechtes Abbild von der Realität, und es ist total uninteressant ein Bild zu sehen, das abgemalt wurde, ohne direkt schwingende Emotionen einer Interpretation. Der Moment des Konzertes bleibt für mich heilig. Gerade ist ›zu Hause‹ gleich einem Konzert – und so verliert der Konzertmoment das Heilige, das Unersetzliche.

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Was glaubst du, wird diese Zeit die Kultur und die Künstler*innen verändern?

Bestimmt. Gerade ist eine völlig andere Denkweise angebracht und auch wichtig. Wir können reflektieren. Bisher waren wir es gewöhnt als Künstler*innen aufzustehen und etwas vorzuhaben – jetzt stehst du auf und hast gar nichts vor. Wir müssen uns jetzt fragen, was ist der Content der Kunst, warum bin ich Musiker*in geworden? Warum spüre ich vielleicht, dass ich ohne Konzerte total verschlumpfe zu Hause? Ich muss mit mir selber in Prüfstand gehen, und ich glaube, dass viele nach dieser Zeit keine Musiker*innen mehr sein werden.

Warum denn das?

Vielleicht werden sie sich bewusst: Ich bin da reingewachsen, oder: Meine Eltern haben mich da hineingedrängelt, ohne den Aufführungsdruck geht es mir viel besser. Mir jedenfalls fehlt es, wie auch gewissen anderen Kolleg*innen, sehr. Mir fehlt es, die Kunst zu teilen. Deshalb versuche ich wenigstens in kurzen Botschaften meine Liebe zur Musik weiterzutragen, irgendwie.

Hast du vergangene Woche auch auf dem Balkon gestanden und die Ode an die Freude gespielt?

Auf gar keinen Fall. Unsere ganze Siedlung hat da mitgemacht, aber ich habe mich im Keller verschanzt und Sport gemacht. Nein, man kann nicht zu jeder Zeit Musik hören, man muss sie verstehen und braucht auch Respekt. Eine Nachbarin hier hat gerade ihren Mann verloren. Will die das wirklich hören, ›seid umschlungen, Millionen‹? Vielleicht will die gerade gar nichts hören.

Aber ist das in Italien so anders?

Die Leute leben dort eine ganz andere Nachbarschaft. Die sehen sich, kochen miteinander, da machen Leute über die Balkone hinweg Hausaufgaben zusammen. Das ist hier nicht der Fall, hier liegen zwischen den Häusern 20 Meter, manchmal sieht man die Nachbarn wochenlang nicht.

»Würdest du das wirklich so im Konzert spielen? Die Interpretation, in dieser Tonqualität?« Sophie Pacini über gestreamte Wohnzimmerkonzerte in @vanmusik.

Also bleibst du bei dem, was schon Mauricio Kagel gesagt hat: Hören wir Beethoven einfach eine ganze Zeit lang nicht mehr, um die Fähigkeit zurück zu gewinnen, seine Musik wertzuschätzen?

Die Frage ist: Bedeutet Beethoven hören gleichzeitig, dass ich Beethoven in jeder Lebenslage ins Internet stelle? Oder bedeutet Beethoven hören vor allem Beethoven zuzulassen? Wenn ich mich zu Hause hinsetze und die 7. Sinfonie höre oder den 2. Satz der Eroica, dann brauche ich vorher einen Moment der Stille, muss mich hinsetzen, die Boxen aufdrehen und für mich verankern, dass ich jetzt den Trauermarsch höre. Das muss ich zulassen. Dass im Beethovenjahr jetzt so oft alle Sonaten, alle Sinfonien hintereinander gemacht werden sollen, braucht man das? Die Sonaten sind ja mit ganz anderen Hintergrundinformationen geboren, die Sinfonien genauso. Eine Sinfonie und eine Sonate miteinander zu kombinieren, das wäre vielleicht interessant. Für mich ist Beethoven im Beethovenjahr schon jetzt verkitscht worden. Also in gewisser Weise: Ja. Ich glaube nicht, dass wir uns einen Gefallen tun, wenn wir ihn ständig spielen. ¶

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